Konservativer Extremist

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An article I published during my internship in Berlin in Taz. It’s in German as well, but the English (original version is available below).

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Mohamed Abdelkarim, ein ägyptischer Künstler, wirkt an dem gemeinsamen Forschungs- und Kunstprojekt mit dem Titel „Auf der Suche nach Europa“ mit, dessen Eröffnung für den 1. November in Berlin (Mariannenplatz 2) geplant ist.

Die künstlerische Arbeit von Abdelkarim befasst sich für gewöhnlich mit Ästhetik und Fragen rund um Zeit, Sozialverhalten und Lebensrhythmen und selten mit politischen Themen. Der Künstler setzt Texte, Videos, Fotografien und sogar Darbietungen ein, um jedes Thema, an dem er arbeitet, umfassend zu analysieren. Zuletzt arbeitete er mit dem bildenden Künstler Ahmed Sabry in Kairo gemeinsam am Projekt „The Rihno Story“, für das Abdelkarim ein Buch schrieb und Sabry eine Reihe von Gemälden vorstellte, um die Rolle der zeitgenössischen Kunst in der Gesellschaft zu hinterfragen.

In Berlin überschreitet der Künstler jedoch seine eigenen Grenzen und arbeitet an einem derzeit höchst heiklen Thema: Ikonen des politischen Islams in Ägypten.

Bei seinem Projekt „Comparison of Appearance“ im Rahmen der Ausstellung zeigt er einen Dokumentarfilm zur Reise eines islamistischen Führers nach Amerika in den Vierziger Jahren. Der Dokumentarfilm ist allerdings reine Fiktion. Er interviewt Menschen, die diesem islamistischen Führer auf seinem Weg nach Amerika auf dem Schiff begegnet sind, in verschiedenen Häfen in Ägypten, Marokko, Portugal und Frankreich und zeigt fiktives Archivmaterial. Allerdings nennt niemand in der Dokumentation seinen Namen. Sie alle bezeichnen ihn als „Er“.

Der TAZ erläuterte Abdelkarim, dass es in dem Film eigentlich um Sayid Kotb, führendes Mitglied der Muslimbruderschaft, geht, einen Schriftsteller, Denker und Dichter, der in den Sechziger Jahren wegen des Komplotts zur Ermordung des ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel-Nasser hingerichtet wurde. Kotbs Schriften inspirieren die Muslimbrüder noch immer und sind für ihren anti-amerikanischen Imperialismus und die Verachtung der amerikanischen Gesellschaft bekannt, die von Materialismus, Gewalt und Sex besessen ist.

„1948 reiste er in die Vereinigten Staaten, mit dem Auftrag, das amerikanische Bildungswesen kennenzulernen, da er für das Bildungsministerium in Ägypten arbeitete“, erläutert Abdelkarim die Bedeutung der Amerikareise. „Bei seiner Rückkehr wurde er extremer, weil er die Gesellschaft, wie er sie dort kennengelernt hatte, nicht mochte, und brachte dieses Gedankengut in Ägypten in Umlauf.“

„Ich wollte an ihm als Phänomen arbeiten. Er ist kein einzigartiges Phänomen, er hat bestimmte Eigenschaften, die auch andere Charaktere der modernen Geschichte aufweisen: sozialkonservativ, jedoch revolutionär, aber mit einer Vision, in der es nicht um Freiheit, sondern um Konservatismus geht. Er ist nicht einzigartig, so isoliert er auch ist“, so Abdel-Karim.

Das Buch hat Abdelkarim in Form eines Tagebuchs ab der Geburt von Kotb im Jahre 1906 verfasst. In diesem Buch versucht der Künstler, Kotb mit Hilfe von Forschung und Fiktion eine persönliche Note zu geben und die Ikone des extremistischen, islamistischen Führers und Denkers zu analysieren, indem er sich auf Bestandteile des alltäglichen Lebens und Begegnungen mit Menschen bezieht.

„Es gibt andere Aspekte seines Charakters, die so normal sind wie bei jedem anderen Menschen auch“, meint er.

Das Projekt „Auf der Suche nach Europa“ ist eine Teamarbeit von sechs Forschern, die an Projekten im Kontext der Analyse Europas mitwirken, darunter auch dessen Beziehungen zu Nachbarländern oder ehemaligen Kolonien, mit Künstlern aus diesen Ländern, um eine Reihe von Kunstwerken und eine Publikation zu erarbeiten, die sich insbesondere auf die Zusammenarbeit von Kunst und Forschung sowie den prozessorientierten ISOE-Ansatz konzentriert und darüber hinaus zusätzliche theoretische Überlegungen in den Vordergrund stellt.

Bettina Gräf ist die Forscherin, mit der Abdelkarim in den letzten zwei Jahren zusammengearbeitet hat.

Gräfs Forschungsarbeit befasst sich mit dem Aufstieg des politischen Islams und den ikonischen Persönlichkeiten, die dahinter stehen, insbesondere in den Vierziger bis Sechziger Jahren. Angesichts der jüngsten Ereignisse in Ägypten im Zusammenhang mit dem Aufstieg politischer Islamisten an die Macht und kurz danach deren Niedergang erreicht ihre Arbeit rechtzeitig ihren Dreh- und Angelpunkt, um die Momente der Zeitgeschichte widerzuspiegeln, die das Land derzeit erlebt. Gräfs Forschungsarbeit bezieht sich zudem auf das Wechselspiel zwischen Kapitalismus, Sozialismus und Wirtschaft des politischen Islams sowie die Verlage in den Vierziger Jahren, die ausschließlich islamistische Bücher veröffentlichten und dadurch zur Ausbreitung der Bewegung beitrugen.

„Ich musste mich für ein Element, einen Teilaspekt entscheiden, an dem ich arbeite, und dieses Element in all die Gespräche einfließen lassen, die ich mit Bettina führte“, so Abdelkarim. „Ich habe mich für Sayid Kotb entschieden“, fährt er fort. „Diese Persönlichkeit umfasste viele Bestandteile dieser Forschungsarbeit.“

„Die Zusammenarbeit mit Bettina findet in Form von Gesprächen statt wie man sie bei einer Tasse Kaffee führt“, erläutert er die Methode, durch die die Arbeiten entstanden sind. „Wir sollten gemeinsam Werke erarbeiten, kamen aber schließlich zu dem Schluss, dass der Künstler sich in Ansatz, Stil und Arbeitsrhythmus vom Forscher unterscheidet. Daher entschieden wir uns für eine Zusammenarbeit in Form dieser Gespräche anstelle einer praktischen Zusammenarbeit.“

Rowan El Shimi  ist Teilnehmerin eines Fortbildungsprogramms des Goethe-Instituts für Kulturjournalisten aus arabischen Ländern. Nach vier Wochen intensivem theoretischen Training in Berlin hospitieren die Teilnehmer in Kulturredaktionen in ganz Deutschland. Mehr über das Programm inkl. Blog unter http://www.goethe.de/ges/prj/ken/qua/kum/nan/de10579986.htm  /
Ein Projekt des Goethe-Instituts im Rahmen der Deutsch-Ägyptischen/ Tunesischen Transformationspartnerschaft, gefördert durch das Auswärtige Amt.

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An Egyptian artist ‘In Search of Europe’

Mohamed Abdelkarim, an Egyptian visual artist, participates in collaborative research and art project entitled ‘In Search of Europe’ set to open in Berlin on 1 November in Mariannenplatz 2.

Abdelkarim’s artistic work normally deals with aesthetics, and questions of time, social behaviour and life’s rhythms and rarely touches upon political themes. The artist uses text, video, photography and even performance to deeply analyse each theme he works with. Most recently he collaborated with visual artist Ahmed Sabry to produce ‘The Rihno Story’ project in Cairo, where Abdelkarim wrote a book, and Sabry presented a series of paintings to question the role of contemporary art in society.

However, in Berlin,the artist is  breaking his own barriers, and working with a theme extremely sensitive at this moment in time: icons of political Islam in Egypt.

Through his project ‘Comparison of Appearance’ within the exhibition, he shows a documentary about an Islamist leader’s trip to America in the 1940s.  However, the documentary is completely fake. He interviews  the people who met this Islamist leader on his way to America on the boat, in different ports in Egypt, Morocco, Portugal and France along with fake archival footage. However, no one in the documentary says his name, they refer to him as ‘He’.

Abdelkarim clarified to Taz that actually the film is about Sayid Kotb, leading member of the Muslim Brotherhood, who was a writer, thinker, and poet who was executed in the 1960s for plotting the assassination of Egyptian president Gamal Abdel-Nasser. Kotb’s writings continue to inspire brotherhood members, and is known for being anti-American imperialism and despising the American society obsessed with materialism, violence and sex.

‘’He went to the US in 1948, on a scholarship to see the education system in the US, as he was working in Ministry of Education in Egypt,’’ Abdelkarim explains the significance of the trip to America. ‘’Upon his return he became more extreme, not liking how he saw the society there, and put out these thoughts in Egypt.’’

‘’I wanted to work on him as a phenomenon. He is not a unique phenomenon, he has a certain component that has surfaced in other characters across modern history: a social conservative yet a revolutionary but with a vision that is not about freedom but conservatism. He is not unique as much as hes isolated,’’ Abdel-Karim explained.

In the book, Abdelkarim writes it as a diary, from when Kotb was born in 1906. In this book the artist tries to humanise Kotb through his research and fiction, and deconstruct the icon of the Islamist extremist leader and thinker, drawing on elements of everyday life, and human encounters.

‘’There are other aspects of his character that are regular like you and me,’’ he says.

For ‘In Search of Europe’ Six researchers working on projects relating to Europe’s deconstruction, along with its relationship with neighbouring countries or former colonies, team up with artists from these countries to produce a series of art works, and a publication which is focusing especially on the art-research collaborations as well as the process oriented approach of ISOE, and also features additional theoretical reflections.

Bettina Gräf is the researcher Abdelkarim has been collaborating with for the past two years.

Gräf’s research relates to political Islam’s rise, and the iconic characters behind it, especially between the 1940s and 1960s. In light of recent events in Egypt, that saw the rise of political islamists to power and shortly after their decline, her work comes at a pivotal point in time to reflect on these contemporary moments the country is living. Gräf’s research also touches upon the dwelling relations between capitalism, socialism and the economics of political islam, as well as the publishing houses in the 1940s which published only Islamist books helping the movement spread.

‘’I had to choose an element, a unit to work with, and let this element touch upon all these talks I was having with Bettina,’’ Abdelkarim explained. ‘’I chose Sayid Kotb,’’ he continued. ‘’This character had many elements of this research.’’

‘’The way bettina worked together is that we would have discussions, like a conversations you would have over a coffee,’’ he explains the methodology through which the works were produced. ‘’We were supposed to produce work together, but eventually we reached that the artist is different from the researcher in approaches, style and work rhythm so we decided that the work is collaborative through these conversations, and not necessarily through hands on work together.’’

Other projects produced through ‘In Search of Europe’ touch upon other topics. The exhibition opens on 1 November and is set to host several events including lectures, film screenings and discussions throughout the time the exhibition is run.

 

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